Silberne Schiffe, schwarzer Ozean

Prolog: Ankunft

Fast unsichtbar vor dem Hintergrund der schwarzen Leere schob sich ein Gigant in Richtung der weit entfernten Sonne. Ein Betrachter hätte von Außen nicht auf Aktivitäten im Inneren schließen können. Keine Lichter , keine Sichtluken waren zu sehen, nichts bewegte sich an der Oberfläche, die Triebwerke schwiegen. Das Schiff folgte einem vorausberechneten Kurs der zuvor aufgebautes Moment nutzte um tiefer in das Sonnensystem vorzustoßen.
Passive Sensoren sammelten Daten und glichen sie mit Richtwerten und auf historischen Aufzeichnungen beruhenden Schätzungen ab. Ein Hangar öffnete sich und entließ eine Sonde, die sogleich in Richtung des nächsten georteten Planeten verschwand.
Zwölf Tage später erreichte sie ihr Ziel, einen Gasriesen, der dem Eintrittspunkt des Schiffes am nächsten gelegen war. Sein komplexes Ringsystem, die Atmosphäre und die Anzahl der Monde beseitigten alle möglichen Zweifel, die es bisher noch an der Identität des Sonnensystems hätte geben können. Dies war Saturn und dies war das Heimatsystem der Menscheit, dass die Wanderer vor mehr als 3000 Jahren verlassen hatten. Die zentrale AI sandte ein kurzes Signal zur Bestätigung an einen wartenden Horchposten, gleichzeitig machten sich drei weitere Sonden auf den Weg.
Zwei davon waren vom gleichen Typ wie die zum Saturn entsandte. Eine davon war für den Asteroidengürtel, die andere für den Mars bestimmt. Beide würden in Kontakt zur dritten Sonde halten.
Die dritte Sonde, wesentlich größer und langsamer als die anderen, transportierte ein robotisches Observatorium, um einen genaueren Blick auf die Erde zu werfen und würde es entsprechend der von den beiden anderen Sonden gelieferten Daten entweder im Orbit um den Mars oder an einer geeigneten Position im Asteroidengürtel aussetzen. 
Bis zum Einsatz des Observatoriums würden aber im besten Falle noch fast zwei Monate vergehen, in dieser Zeit würde das Schiff so viele Daten wie möglich sammeln und vor allem auf Radiosignale und Anzeichen von Raumfahrt achten, doch bisher deute nichts auf weder das eine noch das andere hin.

Die Chance auf der Erde eine technisch fortschrittliche Zivilisation zu finden war allerdings denkbar gering. Eine ganze Reihe Observatorien der Wanderer hatten in den letzten Jahrhunderten diesen Teil der Galaxis beobachtet und Signale gesucht, ohne etwas zu finden. Dies war mit ein Grund dafür, warum nicht schon früher eine Expedition ins Heimatsystem der Menschheit ausgeschickt worden war.
Im Chaos der Großen Flucht und den entbehrungs- und verlustreichen Jahrhunderten danach war die Position der Erde verloren gegangen und erst in den letzten 500 Jahren hatten sich die Wanderer dazu entschlossen, die Wiege der Menschheit zu suchen. Das Fehlen eindeutiger Signale von der Erde hatte diese Suche erschwert, doch war es gelungen, anhand der Ausbreitungsmuster der noch bestehenden und gefundenen Kolonien einen Sektor zu triangulieren, in dem sich Sol mit ihrem Planetensystem befinden musste.

Dies war die neunte Expedition und jetzt warteten  Planeten, Cluster-Kolonien und Flotten auf Nachricht, wie es auf der Erde aussah. Die Wiederentdeckung des Heimatsystems der Menschheit war das größte Ereignis seit der Gründung des ersten kolonialen Bundes vor 2300 Jahren und noch wusste niemand, ob sie das, was sie hier finden würden, wirklich finden wollten.
Drei Wochen später stand fest, dass der Mars in einer günstigen Position war und die Transportsonde änderte ihren Kurs entsprechend, das Schiff,  die Ern Mashac, unterrichtete den Horchposten ausßerhalb des Systems.
Der Horchposten stand fast vier Lichttage entfernt innerhalb des Kuiper-Gürtels und ebensolange würde das Radiosignal zu ihm brauchen.
Die Ern Mashac hatte keine Technologie an Bord, die es ihr ermöglichte, Dimensionen außerhalb des gewöhnlichen Raum-Zeit-Kontinuums zu nutzen. Sie konnte weder ein höherdimensionales Kontinuum zum Direktflug nutzen, noch überlichtschnelle Signale dorthin senden.
Dies war alles Teil der Vorsichtsmaßnahmen. Sollte die Ern Mashac tatsächlich durch den Vortex und dessen Horden übernommen werden, so würde diesen nur seit Jahrhunderten veraltete Technik in die Hände fallen.
Die Große Leere, die Finsternis, der Vortex oder wie immer die verscheidenen Sekten der Wanderer jenes Gebilde aus den Abgründen zwischen den Dimensionen nannten, auf das die Bewohner der Erde vor nunmehr über drei Jahrtausenden gestoßen waren und das gleichzeitig deren Zivilisation in den Abgrund riss.
Als die Zivilisation auf der Erde sich in einem abscheulichen Todeskampf wandt, war der Teil der Menschheit, der sich zu diesem Zeitpunkt bereits im Sonnensystem verteilt hatte, aufgebrochen, dieses in Richtung der nächsten Sterne zu verlassen.
Noch wusste niemand mit Sicherheit, ob dieses Gebilde und seine Schergen in den Weltraum vorgestoßen war. Zwar gab es dafür keine Anzeichen, doch gebot es die Vorsicht, dass wenn schon ein Risiko eingegangen werden musste, dann war dieses gering zu halten.

Ein weiterer Aspekt der Vorsichtsmaßnahmen waren die kurzen Sendungen, die die Ern Mashac in unregelmäßigen aber relativ kurzen Abständen sandte und die stets zufällige Daten zum Inhalt hatten. Sollten diese zu irgend einem Zeitpunkt ausbleiben, würde die Föderation der Wanderer vom Verlust des Schiffes und seiner Besatzung ausgehen und entsprechende Maßnahmen ergreifen.

Die zum Mars gestartete Sonde fand dort ebenfalls keine Anzeichen von Aktivitäten, die dort nach der großen Flucht stattgefunden hatten. Die Habitate an der Oberfläche aus der Zeit vor der Flucht waren verlassen und teilweise zerstört, die beiden Orbitalstationen, im Vakuum des Weltraums perfekt erhalten, zogen ihre Bahn seit Jahrtausenden , es waren nur noch metallerne Hüllen, ihre Energie seit langem verbraucht.
Die nächsten Wochen vergingen in Routine, Ern, die zentrale AI der Ern Mashac hätte sich sicher gelangweilt, doch war sie zu dieser Emotion nicht fähig. Statt dessen überwachte sie zufrieden die Schiffssysteme, die Lebenserhaltung der sich im Tiefschlaf befindenden biologischen Besatzung und den Zustand der sich auf Stand-by befindenden AIs in Nanoschwarm-Körpern.
Dann erreichte die Transportsonde den Mars und  plazierte ihr Observatorium im Orbit, nach einem Systemcheck begann die Sammlung von Daten von der Erde.
Ern verglich die Daten mit historischen Aufzeichnungen und die Veränderungen waren erheblich.
Australien und die Antarktis waren die einzigen Kontinente, die ihre bekannte Form beibehalten hatten, alle anderen größeren Landmassen hingegen wiesen mehr oder weniger drastische Veränderungen auf.
Als nächstes wurden Analysen über die Atmosphäre übermittelt. 
Es gab weiterhin Leben auf der Erde und eine Sauerstoffatmosphäre.
Spektralanalysen ließen allerdings nicht auf das Vorandensein von Industrie schließen. Ebensowenig waren in den Dämmerungszonen große erleuchtete Gebiete zu sehen, die auf Metroplexe und künstliche Beleuchtung in großem Stil hindeuteten. Sollte es tatsächlich noch Menschen auf der Erde geben, so waren diese auf eine vorindustrielle Stufe der Zivilisation zurückgefallen.
Als Letztes wurden die Daten analysiert, die die Anomalie im nördlichen Polargebiet betrafen.

Die Atmosphäre der nördlichen Polarregion zeigte abnorm hohe Temperaturen, gravimetrische Messungen ließen auf Raum-Zeit-Ungleichgewichte schließen, optische Beobachtungen wiesen auf dichte Vegetation hin, die Daten ergaben keinen Sinn.
Dies musste der vom Vortex gehaltene Bereich sein und dies bedeutetet, dass es ihm zumindest nicht gelungen war, sich über den gesamten Planeten auszubreiten.
Ern übersandte die Daten in einem kurzen Signal an den Horchposten und wartete auf weitere Instruktionen.


Kapitel I: Riten

Rad der Zeit
     Verzweigungen     Sarkomand